Mit dem Erbe der Täter brechen – Eine Ausstellung der Stiftung Polnisch-deutsche Aussöhnung (Warschau) und der Bürgerinitiative “Zug der Erinnerung”
Initiatoren erwägen eine Rundreise durch Polen und Deutschland

Zug der Erinnerung auf dem HBF Saarbrücken - Foto: Petra Jung/SK
Zamość – Vor 70 Jahren marschierten der deutsche Wehrmachtssoldat Kurt Goldmann und seine Truppe in den polnischen Bezirk Zamość ein. Goldmann fotografierte gerne und hielt den Besatzungsalltag mit seiner Kamera fest. Zugleich führte er Tagebuch. Auch Feliks Lukowski fotografierte in Zamość – aber auf Seiten des polnischen Widerstands. Die Foto- und Tagebuchdokumente beider Männer sind seit Ende Oktober in einer Ausstellung zu sehen, die von der Bürgerinitiative “Zug der Erinnerung” unterstützt wird (“Kriegsspuren – Zwei Fotografen, zwei Perspektiven”). Den Deportierten von Zamość (darunter tausenden Kindern) soll späte Ehre erwiesen werden. Bei der Ausstellungseröffnung in Zamość rief der Vertreter des “Zug der Erinnerung” dazu auf, mit dem Erbe der Täter zu brechen und “die Geschichte aus der Perspektive der Opfer zu sehen”.
Die Ausstellung kam zustande, nachdem die Stiftung Polnisch-deutsche Aussöhnung (Warschau) und der “Zug der Erinnerung” die in Polen und Deutschland verfügbaren Fotodokumente zusammenführen konnten. Leihgeber sind die Familien der beiden verstorbenen Fotografen. Vor Ort wird die Ausstellung von einer polnischen Opferorganisation betreut, den “Kindern von Zamość”. Es handelt sich um den Zusammenschluss Überlebender, die in frühem Alter aus Zamość vertrieben oder verschleppt worden sind. Während die Mehrzahl der Kinder mit ihren Familien durch Polen irrten, aber zumindest im eigenen Land bleiben konnten, wurden ausgesuchte Minderjährige zum Zwecke der “Germanisierung” nach Deutschland entführt. Etwa 4.500 polnischen Kindern und Jugendlichen raubten die NS-Besatzer ihre Identität und ließen sie zwangsadoptieren.
Auszüge aus der Rede, die Christoph Seeger vom “Zug der Erinnerung” bei Eröffnung der Ausstellung in Zamość hielt. “… Die Fotos dieser Ausstellung lassen erahnen, was sich in das Gedächtnis der Einwohner von Zamość eingebrannt hat und was diejenigen, die überlebt haben, nie vergessen konnten. Es sind Bilder von Eroberern, die ein fremdes Land besetzen und seine Bevölkerung erniedrigen, aushungern und letztendlich vernichten werden. Ob den einzelnen deutschen Soldaten dieses Ziel bewusst war oder nicht: Sie erledigten ihre Aufgaben dienstbeflissen.
Am Ende deportieren sie mit den hunderttausend Bewohnern der Region Zamość auch Kinder und Jugendliche, reißen sie ihren Eltern aus den Händen, schicken sie in die Vernichtung oder in die Zwangsadoption, irgendwo nach Deutschland. Das Schicksal dieser Kinder, die ‘germanisiert’ werden sollten, muss uns besonders berühren. Viele dieser damals jungen Menschen suchen noch heute verzweifelt nach ihrer Identität, nach ihren Wurzeln.
Ich gehöre zu den Nachkommen der Väter, Großväter und Urgroßväter, die an der Okkupation und an den Verbrechen beteiligt waren. Zu der Generation, die auf den Dachböden und in den Kellern Erinnerungen und Devotionalien finden, die von den Vorfahren dort versteckt wurden, um zu vergessen. Doch geht das so einfach?
Müsste ich mir vorstellen, dass Teile meiner Familie an den Gräueltaten in und um Zamość beteiligt gewesen sind, so wäre mir das unerträglich. Inzwischen habe ich selber zwei Töchter, die Fragen stellen. Fragen sie mich, ob sie oder wir, die Nachgeborenen, Schuld tragen, so kann ich ihnen nur sagen, dass wir nicht Schuld, aber Verantwortung übernehmen müssen.
Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit dieser Verantwortung umzugehen:
Man kann sie verdrängen, wie das so viele versuchen zu tun, diejenigen, die einem immer wieder sagen, man solle die Geschichte ruhen lassen;
Oder die Verantwortung kann geleugnet werden, wie es diejenigen tun, die 70 Jahre nach Kriegsende glauben, sie müssten Ansprüche auf polnische Territorien, auf polnische Kultur und Besitz geltend machen. Unter der zugrunde liegenden Gesinnung hat Polen mehrfach leiden müssen;
Oder man kann mit bescheidenen Mitteln die Verantwortung annehmen und versuchen, mit der Geschichte jener Deutschen, die Europa überfallen haben, zu brechen.
Noch heute sind die Spuren der Vergangenheit, die Spuren der Gräueltaten des NS-Regimes und aller daran Beteiligten überall spürbar. Für die Lebenden ist es noch nicht vorbei. Die überlebenden Opfer und die Kinder und Kindeskinder der Opfer tragen diese Last noch heute – eine Last, die so schwer ist, das sie jahrzehntelang darüber nicht reden konnten, eine Last, die sie um ihren Schlaf gebracht hat.
Auch die historischen Erben der damaligen Täter bleiben davon nicht verschont. Das Geschehene wirkt weiter. In meiner therapeutischen Arbeit und in den Praxen der Psychotherapeuten sind die Nachwirkungen des Krieges immer wieder zu spüren. Die Seele, die “kollektive Seele”, kann nicht vergessen, sie leidet unter den beschwiegenen Verbrechen. Die meisten der deutschen Täter haben es verstanden, sich der Verantwortung zu entziehen. Sie haben uns, den Söhnen und Enkeln, ihre Beschönigungen und Lügen hinterlassen.
Das einzige Mittel, mit dem Erbe der Täter zu brechen, ist die Erinnerung: die Erinnerung an das, was damals wirklich geschah – und die Bereitschaft, die Geschichte aus der Perspektive der Opfer zu sehen. Dies ist ein parteiischer Blick, ein mitfühlender Blick – ganz so, wie ihn diese Ausstellung nahe legt…”
Die Ausstellung “Kriegsspuren” wird noch bis Januar 2010 in Zamość zu sehen sein. Eine Rundreise durch Polen und Deutschland wird erwogen.



